In den letzten Tagen hat ein veröffentlichter Artikel – der behauptet, dass Tattoo-Pigmente durch das Lymphsystem wandern und das Immunsystem beeinflussen könnten – verständlicherweise viel Aufmerksamkeit erregt. Aus professioneller Sicht ist es jedoch wichtig, einige Punkte klarzustellen, denn ohne den richtigen Kontext können die Schlussfolgerungen leicht irreführend sein.
1. Die Studie wurde an Mäusen durchgeführt – nicht an Menschen
Die Haut von Mäusen unterscheidet sich stark von menschlicher Haut:
sie ist deutlich dünner, Tätowiernadel können leicht in Muskel- oder sogar Knochengewebe eindringen, der Heilungsprozess ist völlig anders.
Aus diesem Grund lassen sich Tätowiermethode, Verletzungstiefe und biologische Reaktionen nicht direkt auf menschliche Tätowierungen übertragen.
2. Die Studie gibt nicht klar an, welche Pigmente oder Methoden verwendet wurden
Wesentliche Informationen fehlen in der Publikation:
es ist unklar, wer die Tätowierungen durchgeführt hat und mit welcher Qualifikation, es wird nicht beschrieben, welche Maschine, Nadelkonfiguration oder Technik verwendet wurde, Marke und genaue Zusammensetzung der Farben sind nicht eindeutig angegeben.
Diese Informationen sind für jede toxikologische oder immunologische Untersuchung unerlässlich.
Die professionelle Tattoo-Branche verwendet seit Jahren streng regulierte, REACH-konforme Pigmente – etwas, das die Studie nicht transparent darlegt.
3. Die Schlussfolgerungen der Studie lassen sich nicht direkt auf Menschen übertragen
Aussagen wie chronische Erschöpfung des Immunsystems, langanhaltende Entzündungen oder verringerte Impfreaktionen basieren ausschließlich auf Mausdaten.
Derzeit gibt es keine klinischen Belege dafür, dass solche Effekte bei tätowierten Menschen auftreten.
4. Die Aussagen zu mRNA- und Grippeimpfstoffen können leicht falsch verstanden werden
Laut Studie:
reagierten tätowierte Mäuse schwächer auf die Covid-mRNA-Impfung, und stärker auf die inaktivierte Grippeimpfung.
Allerdings:
stammen diese Ergebnisse von Tieren, nicht von Menschen, die Impfungen wurden direkt in das tätowierte Areal injiziert, mehrere wichtige immunologische Variablen wurden nicht kontrolliert.
Diese Ergebnisse können daher nicht auf tätowierte Menschen oder auf übliche Impfpraxen übertragen werden.
5. Die Öffentlichkeit sollte nicht unnötig verunsichert werden
Tierexperimentelle Studien haben wissenschaftlichen Wert, aber medienspezifische Schlagzeilen wie „Zelltod“, „chronische Entzündung“ oder „Erschöpfung des Immunsystems“
erzeugen unnötige Angst – besonders wenn:
die Erkenntnisse aus Tierexperimenten stammen, große Unsicherheiten bestehen, keine Humanstudien vorliegen, aktuelle epidemiologische Daten keinen nachgewiesenen Zusammenhang zwischen Tattoos und Krebs zeigen.
6. Präzise und transparente Kommunikation ist entscheidend
Eine wissenschaftlich verwertbare Studie müsste:
genaue Pigmentmarken und REACH-Konformität angeben, die Tätowiertechnik klar dokumentieren, realistische Tätowierparameter verwenden, klinische oder zumindest humane Daten einbeziehen, und dramatische Schlussfolgerungen aus Mausversuchen vermeiden.
Zusammenfassung
Die Studie liefert interessante Laborbeobachtungen, ist jedoch nicht geeignet, weitreichende gesundheitliche Aussagen über tätowierte Menschen abzuleiten.
Bis gut designte, groß angelegte Humanstudien vorliegen, sollte die öffentliche Kommunikation ruhig, sachlich und frei von Alarmismus erfolgen.
Tätowierungen bleiben sicher, wenn sie fachgerecht, hygienisch und mit regulierten Pigmenten durchgeführt werden.
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